Musikproduzent Micki Meuser im Interview zur gegenwärtigen Situation in der Musikbranche

02.04.2021 Daniel Jung

Ich hatte die Gelegenheit mit Micki Meuser, vielen bekannt von der 1. Kulturkonferenz in Duisburg und vom Euro Rock, ein interessantes Interview führen zu können. Aber lest selbst: .

Musikproduzent Micki Meuser im Interview zur gegenwärtigen Situation in der Musikbranche

1) Zuerst mal die Frage, wie geht es dir? Kommst du gut durch die Pandemie?

Gesundheitlich prima, auch mental - Künstler sind es ja gewohnt isoliert, im kreativen Lockdown, zu arbeiten. Es fehlt natürlich die Möglichkeit Konzerte zu spielen. Und auch die Möglichkeit zu reisen vermisse ich.

2) Als Komponist von Filmmusik hast du wahrscheinlich derzeit auch Probleme zu arbeiten, da viele Produktionen Drehstopps haben, oder?

Ja, das ist in der Tat so. Eine Serie, für die ich komponiert habe, wurde gestoppt und danach eingestellt, und da generell viel weniger gedreht werden kann, bekomme ich auch nicht so schnell neue Aufträge. Kinofilme werden überhaupt nicht mehr gedreht, da die Kinos geschlossen sind. Das hat schon finanzielle Auswirkungen. Es ist dabei sehr ärgerlich, dass die Politik zwar öffentlich lautstark Hilfsprogramme für uns Kreative verkündet, diese aber bei uns nicht ankommen, da sie nur auf Gewerbe und Fixkosten konstruiert sind. Wir Kreative sind aber freiberufliche Selbstständige ohne Gewerbe und haben wenig Kosten. Laut statistischem Bundesamt sind es unter 5%. Das weiss das Wirtschafts- und Finanzministerium natürlich. Wir sind übrigens der Meinung, dass es auch nicht Hilfsprogramme, sondern Kompensationsprogramme heissen sollte, denn es sollten ja Zahlungen als Kompensation für staatlich angeordnete Berufsverbote bei unseren gut funktionierenden Geschäftsmodellen fliessen. Unsere Geschäftsmodelle bräuchten ohne die medizinisch natürlich sinnvollen Maßnahmen keine Hilfe. Nun gut, zum Glück habe ich persönlich Rücklagen, aber die fehlen mir eventuell später dann mal.

3) Du machst schon seit vielen Jahren beim Projekt Euro Rock (die Stadt Duisburg lädt junge Bands aus ihren Partnerstädten ein) mit. Was bedeutet dir Euro Rock?

Das Projekt Euro Rock ist großartig. Wenn es nicht in Duisburg existieren würde, müsste man es sofort erfinden. Peter Bursch hat da vor über 25 Jahren eine super gute Idee gehabt, und hat sie zusammen mit der Stadt Duisburg durchgezogen. Die Kommunikation zwischen den jungen Musikerinnen und Musikern aus ganz Europa ist einzigartig. Ich freue mich jedes Jahr im Sommer auf die Tage in Duisburg und die wunderbare Energie der jungen Leute aus England, Frankreich, Russland, Niederlande und manchmal Litauen. So etwas kann nur Kultur. Leider musste Euro Rock ja 2020 schon ausfallen, und auch für dieses Jahr sieht es nicht nach „Euro Rock 2021“ aus. Schade!

4) Du warst schon immer sehr aktiv im Kampf um Gerechtigkeit im Musik Business und sitzt mittlerweile im Aufsichtsrat der GEMA. Wie kam es dazu?

Tja, das Wort „Aufsichtsrat“ klingt immer nach großem Business. Das ist hier allerdings anders: In den GEMA Aufsichtsrat wird man von den Komponistinnen und Komponisten in Deutschland gewählt, und es ist eine große Ehre. Man vertritt dort eben diese Komponistinnen und Komponisten und be-aufsicht-igt in ihrem Auftrag die GEMA. Es ist ein unbezahltes Ehrenamt, deshalb unbezahlt, damit man neutral und unabhängig von der GEMA bleiben kann. Ich bin also kein GEMA Angestellter, sondern oft sogar durchaus kritisch gegenüber Abläufen in der GEMA.

Wie es dazu gekommen ist? Bei mir war es so, dass ich mich seit 2001 in Verbänden für faire Bezahlung der kreativen Arbeit von Musikerinnen und Musikern eingesetzt habe. Verband klingt natürlich immer sehr uncool, und ich musste auch zunächst meine Abneigung gegen diese vermeintlich altmodische Struktur ablegen. Aber dieser solidarische Zusammenschluss ist die einzige Möglichkeit sich gegenüber den Auftraggebern, Plattenfirmen, Sendern, (Film)Produzenten etc. zu behaupten. Die Kolleginnen und Kollegen haben mich dann vor 6 Jahren aufgefordert doch für den GEMA Aufsichtsrat zu kandidieren.

5) Ich kenne einige Leute, die sich durch die GEMA gegängelt fühlen. Aber ist Urheberrecht nicht ein hohes Gut?

Man ist natürlich nicht populär, wenn man Geld verlangt, besonders für so etwas Abstraktes, wie Kultur. :-) Es ist so: Das Urheberrecht in Deutschland, wie in allen anderen zivilisierten Staaten, sagt, dass überall, wo mit Musik Profit gemacht wird, die Komponistin oder der Komponist dieser Musik eine kleine Beteiligung von diesem Profit bekommen muss. Nun kann ich natürlich als Komponistin oder Komponist nicht zu jedem Sender, Veranstalter, Gastronomen oder zu jeder Plattform, die meine Musik nutzen, laufen und eine laut Urheberrecht angemessene Vergütung für die Nutzung verhandeln. Hier kommt die GEMA ins Spiel.

Die Komponisten und Textdichter, also die Musikautorinnen und Autoren, haben sich zusammengeschlossen und eine Gesellschaft gegründet, die das Inkasso für die Nutzung zentral übernimmt. Das ist einfacher für die Kreativen, aber auch für die Nutzer und Lizenznehmer. Diese Gesellschaft ist die GEMA. Sie verhandelt angemessene Tarife mit den Nutzern, also mit besagten Sendern, Veranstaltern, Gastronomen, Plattformen etc., inkassiert sie und verteilt sie an die Musikautorinnen und Autoren. Das funktioniert sehr gut und ist eine wichtige Lebensgrundlage für alle Menschen, die von Musik leben wollen. Dazu haben auf der anderen Seite die besagten Nutzer und Lizenznehmer Rechts- und Planungssicherheit. Sie dürfen alles spielen, senden etc. und wissen wieviel es kostet.

Aber klar, Musik und Kreativität allgemein ist abstrakter, als zum Beispiel das Klopapier, das der Gastronom kauft, oder das Wasser, das er verbraucht. Bei Klopapier und Wasser sieht er ein, dass er zahlen muss. Bei Musik gibt es aber Gastronomen oder Veranstalter, und manchmal auch uninformierte Mitarbeiter in Sendern, die nicht einsehen, dass sie bei der Nutzung die Urheber der Musik beteiligen sollen. Es ist aber, wie gesagt, Gesetz. Das empfinden Einige dann als „Gängelung“.

Ganz schlimm ist es übrigens mit der Digitalwirtschaft und den Plattformen. Sie nutzen Musik auf allen Geräten, in Clouds, auf Plattformen und vermarkten sie mit hohem Profit. Die angemessene Beteiligung der Kreativen wollen sie sich aber komplett sparen, indem sie sagen: Das Internet, oder die Plattform ist ja eine Chance für Euch. Dabei machen sie aber viele Milliarden, und zwar durch die vollständige Nutzung unserer Werke. Die Wertschöpfung mit Musik hat sich fast ganz auf die Plattformen verschoben. Seit ca. 20 Jahren fährt die Digitalwirtschaft allerdings eine aggressive Strategie gegen die Beteiligung der Komponistinnen und Komponisten. Das geht bis zu groß angelegten Fake-Kampagnen und Verleumdungen. Beispiel: Die YouTube Sperrungen. Die GEMA hat niemals YouTube Videos gesperrt. Das kann sie gar nicht. Google/YouTube hat das selbst getan und dann in die Welt gesetzt die GEMA mache es. Google wollte die Ansprüche der Kreativen schwächen, natürlich das Geschäft alleine machen.

6) Was hältst du eigentlich von Spotify? Der Spiegel hat letztens berichtet, dass Künstler pro Stream 0,0038 Dollar erhalten. Um sich eine Tasse Kaffee zu kaufen, braucht man demnach 786 Streams. Das klingt unglaublich stark nach Ausbeutung der Künstlerinnen und Künstler...

Ja, das ist es auch. Es wurde uns ja als die Rettung nach den vor allem in Deutschland weit verbreiteten illegalen Downloads verkauft. Nur, für mich als Künstler ist es im Ergebnis fast egal, ob ich bei 1.000 Klicks 3.80 € oder nichts bekomme.

Aber der Spiegel zeichnet noch nicht mal das ganze Bild. Spotify macht ja nur in wenigen Fällen direkte Verträge mit den Künstlerinnen und Künstlern und zahlt die $0,0038. Da hängen ja noch die Labels, Aggregatoren und Plattenfirmen dazwischen. Und die Major Labels (Anm.: Universal, Sony, Warner) zahlen nur ein Zehntel der von Spotify, Deezer etc. erhaltenen Lizenzen an ihre Künstler aus. Noch weniger bekommen übrigens die oben erwähnten Musikautorinnen und Autoren, die ja oft nicht identisch mit den Künstlern sind. Sie liegen nur bei ca. 20% der Lizenzen der Künstlerinnen und Künstler.

Das ist das Problem beim Streaming: Das ganze Geschäft funktioniert nur, wenn nur Einer in der Branche das Geld bekommt. Das sind in diesem Fall die Labels und Plattenfirmen. Daher hört man von der Tonträgerindustrie immer wieder Jubel, und dass sie durch Streaming Umsatzzuwächse verzeichnet, von den Künstlern aber, dass es für sie eine finanzielle Katastrophe ist.

Meines Erachtens würde dabei allerdings auch eine gerechtere Verteilung zwischen Labels und Künstlern nicht viel nützen. Es ist in dem ganzen System einfach nicht genug Geld drin für zwei oder sogar drei Parteien. 9,99€ oder Werbung ist viel zu billig für 40 Millionen Songs und Werke.

Bitte versteh mich nicht falsch. Ich will keinem Konsumenten oder Musikliebhaber ein schlechtes Gewissen machen. Freut Euch an guter Musik, geniesst und feiert sie. Wenn Ihr könnt, kauft CDs. Die klingen auch besser als die gestreamten mp3s, und wir Kreativen bekommen ein bisschen mehr. Aber es ist nicht die Schuld der Musikliebhaber und Fans. Es ist ein Systemversagen durch die Digitalisierung, und leider muss ich auch in diesem Punkt die Digitalwirtschaft als diejenigen anprangern, die durch ihre starre und gierige Haltung die Kultur weltweit geschädigt hat. Das tut mir in der Seele weh, denn ich bin ein digital Nerd mit 6 vernetzten Computern zu Hause und technisch an allem Digitalen sehr interessiert. Anderseits bin ich aber auch ein Mensch, der beruflich in der Kultur- und Kreativwirtschaft unterwegs und massiv betroffen ist. Und je erfolgreicher man arbeitet, desto größer sind die Verluste. Da kann man, wie ich Hits gehabt haben mit Die Ärzte, Ina Deter, Silly und Anderen. Leben kann man davon nicht mehr. Zum Glück bin ich in der Lage wohl gute Filmmusik zu schreiben und werde dafür engagiert und bezahlt.

Für die Künstler in der Musikbranche fürchte ich, das Kind ist in den Brunnen gefallen. Die Qualität der Musik wird es in Zukunft widerspiegeln oder tut es schon.

7) Einige Bands streamen derzeit Konzerte. Guckst du dir sowas an? Was hältst du davon?

Das muss jede Band jede Künstlerin oder Künstler für sich entscheiden.

Als Konsument fehlt mir bei einem gestreamten Konzert die Atmosphäre des Events, der Rummel, die vielen Menschen, die Energie und manchmal auch die Lautstärke eines gut eingestellten 10.000 Watt PA Systems. :-) Ich ertappe mich jedesmal dabei, dass ich bei gestreamten Konzerten, auch wenn sie live sind, nach 5 bis 10 Minuten abschalte. Und ich habe schon einen ziemlich großen Bildschirm und sehr gute Boxen.

Als Musiker auf der Bühne fehlt mir wiederum das Publikum, der Energieaustausch und auch die Aufregung. Es fühlt sich eher an, wie bei einer Studioaufnahme. Entsprechend spielt man dann auch als Band zwar vielleicht präziser, aber viel verhaltener. Es ist ja auch so, dass jeder kleine Fehler für immer im Internet zu hören und zu sehen sein wird. Das spüren die Musikerinnen und Musiker unterbewusst.

Zudem sind Streamingkonzerte auch nicht angemessen honoriert. Man muss die Proben mit einrechnen und den technischen Aufwand. Normalerweise kann man nach den Proben 10 oder mehr Konzerte auf Tournee in verschiedenen Städten spielen mit 10 oder oder mehr Gagenzahlungen. Beim Streamingkonzert kann man vielleicht 10 oder 15 € für den Zugangscode verlangen, aber dieses eine Konzert ist dann ja auch das einzige. Mehr Gage gibt es dann nicht, und wenn man in einen Bereich gehen würde, der vergleichbar wäre, sagen wir ab 50€ für den Zugangscode, da ist dann verständlicherweise Keiner mehr bereit das zu zahlen.

Anders ist es, wenn jetzt, sagen wir, Metallica, sich entschliesst ein weltweites Streamingkonzert zu machen. Da würden dann Zehn- oder Hunderttausende streamen und fast jeden Preis akzeptieren. Und solche Bands haben natürlich die Ressourcen und die Logistik so etwas super professionell zu produzieren und zu kalkulieren. Nur, das ist dann wieder so perfekt, da kann ich mir auch die Konzert DVD oder Blu-ray Disc kaufen.

Aber, wie gesagt, wer es machen möchte, soll es natürlich machen. Ein wirklicher Ersatz für reale Konzerte ist es weder vom Erlebnis her, noch für den Lebensunterhalt der Künstlerinnen und Künstler. Deswegen höre ich von vielen Kolleginnen und Kollegen, dass sie wieder damit aufhören.

8) Zum Abschluss, Micki. Was fehlt dir derzeit am meisten, bzw. was ist das Erste, was du tun wirst, wenn der Lockdown irgendwann mal beendet sein wird?

Ich fahre in ein möglichst gutes Hotel mit einem möglichst großen Schwimmbad, wo ich täglich mindestens einmal schwimmen gehen werde :-)